Dienstag, Mai 10, 2005

Petersburg - Moskau - Karelien - Riga

Heute gibt's mal wieder ein bisserl mehr zu lesen. Bis vor kurzem war hier sogar fast mal sowas wie Alltag eingekehrt. Ich geh in meine Russischkurse. Mit Aljoscha aus der Biophysik war ich hin und wieder an der Uni unterwegs. In einer Vorlesung über Quantenchemie. Dass hab ich zum Anlass genommen, endlich mal in die legendären Lehrbücher von Landau und Lifschitz im Original reinzuschauen. Ein paarmal im Praktikum, Fluoreszenzspektroskopie von Proteinen. Außerdem hat mir Aljoscha sein Labor gezeigt. Er ist erst 20, im 4. Studienjahr und arbeitet schon fleißig recht eigenständig im Institut der Akademie der Wissenschaften für Zellbiologie. Mit der Patch-Clamp-Methode, für die übrigens zwei Deutsche vor etwa 10 Jahren den Nobelpreis bekommen haben. Also stolz sein. Die stechen mit ganz feinen Pipetten durch die Zellmembran, und lassen dann winzige Ströme fließen. Damit können sie Ionenkanäle beim Schalten beobachten. Das war die erste Methode, mit der man quasi einzelnen Proteinen bei der Arbeit zugucken konnte.
Ansonsten hab ich halt einfach die Stadt und die immer länger werdenden Tage genossen.

Vor drei Wochen hab ich Bruderbesuch bekommen. Der Jochen ist zuerst nach Moskau geflogen. Wir haben bei Bekannten in der deutschen Botschaft übernachtet und die Stadt angeguckt. Total verrückt und sehr cool. Neben dem Kreml die Basiliuskathedrale mit den bunten Türmen, die innen drin eher wie eine Mischung aus Klettergerüst und Labyrinth auf dem Kinderspielplatz ist. Daneben der riesige Betonklotz des Hotels "Rossija". Über die Straße ein modernes Bürogebäude, das aber nicht wie gewohnt ein langweiliger Glaskasten ist, sondern ein verwinkeltes Etwas, bei dem der Architekt auch die Genialität hatte, auf halber Höhe eine korinthische Säulenreihe einzufügen. Überhaupt kann man manchmal auf den Hochhäusern griechische Rotunden beobachten. Und irgendwo in der Ferne schwebt über dem Dunst auf den Sperlingsbergen die 200 Meter hohe Silhouette der Lomonossov-Universität. Das Meisterwerk der stalinistischen Architektur in Moskau, die wider Erwarten sehr schön ist. Das größte Gebäude sollte ja eigentlich der Palast der Sowjets werden, 400 Meter hoch plus 80 Meter Leninstatue. Das hat dann aber wegen dem Fundament nicht geklappt. An der Stelle haben sie in den letzten Jahren dafür die Christus-Erlöser-Kathedrale wieder aufgebaut, die auch recht protzig ist. Der Herr Bürgermeister Luschkov (auch CEO der Moskau AG genannt) ist ja mit seinen Mammutprojekten etwas umstritten, aber es ist Klasse, durch diese abgefahrene und hemmungslose Stadt zu wandern.
Lomonosov-Uni
In Petersburg war der Plan, am 20. abends hinter dem Wohnheim zu grillen. Haben wir dann aber wegen Schneefalls sein lassen. Jochen hat seine kurze Hose gleich wieder eingepackt. Die nächsten zwei Wochen haben wir mit intensivem Sight Seeing, Party und allgemeiner Lebensfreude verbracht. Wir waren in Puschkin und in Repino am Meer, im Russischen Museum und der Erimitage, im (zuerst mit einer Müllhalde verwechselten) botanischen Garten der Uni in der Stadt. Nach dem orthodoxen Ostergottesdienst haben wir der Schlossbrücke beim Öffnen zugeguckt. Den Russen im Wohnheim haben wir Schafkopfen beigebracht, und mit ihnen lustig Fußball gezockt. Am letzten Tag haben wir es auch noch in die Banja, ins Ballett und in den Club Gribojedov geschafft. Von da sind wir um sieben früh ins Wohnheim heimgekehrt, haben etwas geschlafen, Jochen hat gepackt, und um elf waren wir schon wieder zum Flughafen unterwegs.

Kurz hatte ich Zeit, mich nochmal über die zwei vergnüglichen Wochen zu freuen. Aber um vier ging mein Zug nach Norden. Aljoscha hatte mich eingeladen, mit auf ein Kletterfestival zu kommen. Dazu muss erwähnt werden, dass die zahlreichen Petersburger Freunde des Sportes der zarten Tritte und starken Unterarme in einer prekären Lage sind. Zwar gibt es einige Kletterhallen in der Stadt. Aber mit der Landschaft hat es hier das Problem, dass sie ungewöhnlich flach ist (erwähnte ich es schon?). Die nächsten ernstzunehmenden Felsen befinden sich etwa 200 Kilometer nördlich der Stadt, in Karelien, diesem Landstrich, der einmal finnisch war, und ebenso diese typische wunderschöne sanfte Mischung aus Wald, Seen und Granit aufweist. Dort ragen am Ufer des Jastribiner Sees ein paar Felsen in die Höhe, deren mit etwa fünfzig Metern höchster den Namen Parnáss trägt. Alljährlich versammeln sich dort für vier Tage im Mai ein paar tausend Kletterfreunde. Und so machten auch wir uns auf, Aljoscha, zwei Freunde und ich, auf dass wir in freier Natur ein wenig die Seele baumeln ließen. Zuerst ging es mit dem Bummelzug vier Stunden bis Kunetschnovo. Um kurz nach 9 waren wir am Endbahnhof. Von da waren es etwa acht Kilometer Fußmarsch bis zum See. Um halb elf abends standen wir das erste Mal auf dem Parnass und ließen den Blick in die Ferne schweifen. Am Felsen stand ein Busch, und es war so verführerisch, wie es aus dem Busch mit heller Stimme herauspfiff, das ich dachte, es müsste eine Nachtigall darinnen sein. Ich sag's Euch: ein Idyll, das seinesgleichen nur in der sanften Stubenberger Hügellandschaft um die Neujahrszeit herum suchen kann.
Jedenfalls ist es schon Klasse: dass man um 11 Uhr abends noch munter ohne Taschenlampe durch den Wald springen kann. Unseren Lagerplatz erreichten wir aber dann doch erst im Dunkeln. Naja, die Jungs sind von zahlreichen Touren in die Wildnis routiniert, und ich konnte die effiziente Errichtung eines Lagers nur bewundern. Nach einem leckeren Abendessen aus Kartoffelbrei und Würstchen, und einigen Liedern zur Gitarre am höchst gemütlichen Feuer, kamen wir dann um halb vier endlich ins Zelt. Ich war platt nach nur zwei Stunden Schlaf die Nacht davor. Zum Glück ging es meinen Kollegen auch nicht anders, und so begannen wir den Freitag gemütlich um drei Uhr nachmittags mit einem Frühstück aus Hirse-Kascha und frischem Tee. Dann gingen wir Holz holen. Hier machte sich die unglaubliche Weite des russischen Waldes bezahlt. Es ist für alle genug da. Wir suchten uns eine etwa 20 Meter hohe trockene Fichte aus, legten die Axt an, und hatten nach einer Stunde Feuerholz für eine ganze Kompanie. Den Rest des Tages schauten wir uns das Gelände an und kletterten ein bisschen. Sonne haben ich leider auf der Tour keine gesehen, dafür hat es auch nicht geregnet. Zum Abendessen gab es Buchweizen mit Dosenfleisch. Lecker. Um halb drei waren wir im Bett.
Ich wäre ja gerne noch länger geblieben, aber ich hatte in meiner Tasche ein Zugticket für Samstag abend nach Riga. Nach unserem Trip nach Tallinn wollten Mario, Mélina und ich nochmal ins Baltikum. Aufgrund des etwas kargen Zugfahrplanes war mein Ziel, um 7:45 Uhr am Bahnhof zu sein. Also stand ich um vier auf, genoss noch mal die Morgenstimmung am See, und machte mich dann auf den Weg. Ich hatte wohl etwas zu lang genossen, und falsche Angaben über die Marschdauer bekommen, jedenfalls verpasste ich meinen Zug um 10 Minuten, der nächste wäre um 8 Uhr abends gegangen. Also stand ich erstmal etwas dumm in der Pampa, und machte mich dann auf, die 15 Kilometer entfernte nächstgrößere Stadt zu erreichen. Nach einer halben Stunde nahm mich zum Glück ein Auto mit. In Kunetschnovo bekam ich eine Marschrutka (privater Linienbus) nach Priosersk, dort bestieg ich um halb zwölf einen Bus nach Petersburg. Der blieb aber nach einer halben Stunde liegen, ich glaub die Kupplung war hin. Naja, einen Bus und den Bummelzug später kam ich dann jedenfalls um halb vier nach Hause. Geduscht, umgepackt, zum Mario zum Abendessen, und um 10 saßen wir dann im Zug nach Lettland. Puh.

Riga ist eine kleine alte gemütliche Stadt (500 000 Einwohner) am Ufer des Flusses Daugava. Sehr europäisch, sauber und freundlich. Wir haben ja den 9. Mai dort mitbekommen, den Tag des Sieges, auf den sich Petersburg schon seit Wochen mit riesigen Propagandaplakaten, Proben für die Paraden und sonstigem Klimbim vorbereitet. Im Baltikum gilt der 9. Mai allerdings eher als Tag der Besatzung durch die Sowjetunion. Daher die Spannungen mit Putin. Ein Drittel der Einwohner Lettlands sind umgesiedelte Russen, und die haben gefeiert. Wir haben uns so eine Kundgebung angeschaut, ein jüdischer Chor hat gesungen, was ich ganz passend fand. Ansonsten gab's tausende von Blumen, Fahnen, und ein Stalinbild. Wir sind durch die Stadt spaziert, haben uns das neue Museum über die Besatzungszeit angeschaut und Europa genossen. Heute früh sind wir wieder heimgekommen, und genieße einen unverplanten Tag.

Ja, Ihr treuen Leser, das war's dann auch schon wieder für diesmal. Schönen Tag noch und bis bald.