Freitag, März 25, 2005

Tauwetter

Jetzt schaut's so aus, als kommt der Frühling auch hier an. Seit Montag den 21. März sind ja die Tage hier länger als bei Euch allen, äääätsch! Bloß Markus in Helsinki hat's noch länger hell. Vorhin hab ich schon ein Bankerl in der Sonne vor der Uni ausgestestet, sehr zu meinem Wohlbefinden. Allerdings bringt der Frühling hier auch grandiosen Matsch und gigantische Pfützen mit sich, von denen wir heute eine erste Vorahnung bekommen haben. Und Gefahr von oben, in Form von Eiszapfen und Dachlawinen.
Falls Ihr so wie ich nix besseres zu tun habt: Chris hat die Fotos von unserer Kroatientour vorletzten Sommer ins Netz gestellt, wieder auf www.change-of-heart.co.uk unter "world tour". Extreme Busking! Da könnt Ihr Euch schon mal auf den Sommer einstellen ...

Donnerstag, März 17, 2005

Winter

Oh, wie schön ist es, keine Angst haben zu müssen, dass der ganze Schnee nächste Woche schon weg ist! Anscheinend war in Deutschland dieses Jahr ja auch so richtig Winter wie es sich gehört. Ich genieß es jedenfalls total. Hier gibt's in jedem Park eine Eisfläche mit Schlittschuhverleih. Außerhalb der Stadt hat es ein paar Hügel - da kann man sich Ski ausleihen oder noch besser Traktorreifen. Eine Riesengaudi. Letzte Woche waren wir Langlaufen. Erst eine Stunde mit dem Zug aus der Stadt raus, dort für 4 Euro am Tag Ski geholt und dann sechs Stunden durch den weißen Wald und über einen zugefrorenen See gezogen. Sehr g'führig. Ich bin auf den Geschmack gekommen. Hab mir heute gleich nochmal Ski geholt, im "zentralen Park für Kultur und Erholung", den es in jeder ordentlichen sowjetischen Stadt gibt. Hier liegt er wunderschön auf einer Nevainsel, von einer Familie namens Jelagin enteignet. Am Flussufer bin ich entlang zur Ostsee gelaufen. Was für ein Blick! Weiß soweit das Auge reicht. Kein einziges Wölkchen am Himmel. Hin und wieder ein schwarzer Punkt in der Landschaft, die Eisfischer. Und dann rein in die glitzernde Schneewüste. Ist schon sehr cool, die Stadt von außen zu sehen. Ich weiß, die Physiker haben da eine Erklärung für, aber es ist irgendwie verblüffend, dass man da, wo man im Sommer mühsam schwimmen muss, jetzt auf einmal mühelos drüberflitzen kann.
Jetzt, wo die Sonne sich ordentlich zeigt, ist es perfekt. Könnte ruhig noch ein bisschen so kalt bleiben. Wenn ich daran denke, wie ich mich vor einem Jahr noch vor dem hiesigen Winter gefürchtet habe ... im Januar war's hier wirklich zu dunkel, aber es ist spannend, die Jahreszeiten so intensiv mitzukriegen. In diesem Sinne wünsche ich Euch schon mal einen schönen Frühlingsanfang!

Montag, März 14, 2005

Verzeihung!

Gestern war масленица (masleniza), ein altes heidnisches Fest zur Winteraustreibung. Gleichzeitig der Sonntag der Vergebung. Wie gesagt, die Russen mögen Feiertage. Man begrüßt sich mit “прости”, "Verzeih mir", und löst damit alle Zwistigkeiten des letzten Jahres auf. Eine sehr schöne Sitte. Früher gehörte dazu noch eine vorhergehende großangelegte Schlägerei, bei der sich die Männer des Dorfes die Köpfe eindroschen. Danach ließ es sich um so besser verzeihen. Mir hat mal ein Mitbewohner verraten, die Deutschen sind so gestresst, weil sie sich nie prügeln. Sich mit einem Freund ordentlich kloppen, und danach die erneute Verbrüderung mit Wodka begießen - nichts ist besser, um für Ausgeglichenheit von Körper und Seele zu sorgen.
Gestern lief es etwas gesitteter ab ... im Hof des Wohnheims wurden lustige Spielchen veranstaltet, wie Tauziehen und Wer-schafft-die-meisten-Klimmzüge. Naja. Außerdem aßen wir traditionell große Mengen блины, diese leckeren Pfannkuchen. Danach wurde eine ausgestopfte Babuschka verbrannt, so wie bei uns an Johannis. Heute beginnt die große Fastenzeit bis Ostern, das hier erst Anfang Mai liegt.
Das Wochenende davor hab ich nochmal ausgenützt um nach Helsinki zu fahren, Sandra zum Schiff zu bringen und Markus zu besuchen. Ich war wieder begeistert von der Sauna im Wohnheim. Die Stadt ist sehr gemütlich und ruhig. Auch nicht übel: mit russischen Bussen kommt man für 17 Euro hin und zurück. Die finnischen Züge kosten 50 Euro einfach. Oh, wie komme ich daheim wieder mit den deutschen Preisen zurecht?

Montag, März 07, 2005

Молоко

Sprich Malakó. Auf gut Deutsch Milch. So heißt der traditionsreiche alternative Rockschuppen von Petersburg. Früher war da wohl eine Molkerei drinnen. Ein paar Jungs haben damals ein entsprechendes Schild gefunden, es aufgehängt, und schon war der Name da. In alter Tradition gibt's ein Glas Milch für 30 Cent, fast wie in der Ziege in Simbach.
Wir waren am Samstag drinnen, wegen eines Konzertes von Spitfire, einer der bekannteren Ska-Gruppen. Hammer. Die Musik war vom feinsten, außer dass ein paar Lieder mir zu punkig waren. Sensationelles Gebläse aus Trompete, Posaune und Tenorsaxophon. Die Band machte einen sehr sympathischen Eindruck. Sie sind wohl viel in Europa unterwegs (besseres Geld) und freuten sich sichtlich über das Heimspiel. Ich hab noch nie einen kleinen Raum so vollgepackt erlebt. Noch mehr als in Deutschland scheint Ska hier eine Kampfsportart zu sein - die Erlacher Brüder würden sich zu Hause fühlen. Sich mit bloßem Oberkörper in die Menge schmeißen. Und abgehen. Nach eineinhalb Stunden Sport war die Gaudi vorbei, und unsere Köpfe voller Glückshormone.
Ansonsten sind gerade italienische Wochen im Dom Kino. Allein der Saal ist schon sehenswert, mit Säulen und Empore. Am Freitag haben wir "Andata + Ritorno" angeschaut. Kinotip. Ich fand's eine sehr schön gelungene Mischung aus Amélie und Ocean's Eleven. Zitat: “L’amore non esiste, è per questo che lo facciamo: perchè esista”
Ja, das war's auch schon wieder aus dem Osten für heute. Morgen ist übrigens Frauentag, der hier mal wieder Anlass zu drei Feiertagen gibt ... also Blumen kaufen!