Samstag, Februar 26, 2005

Winterreise

So, jetzt kommt endlich mein Bericht über unseren kleinen Trip online. Ich hoffe, er ist Euch nicht zu lang und schwelgerisch, stellenweise konnte ich meine Begeisterung einfach nicht mehr zügeln. Also, jetzt geht's los:
Mitte Januar machten sich Goli, Sandra, Mario und ich mit einem klar umrissenen Ziel auf den Weg: Sibirien! Da wir des Petersburger Sauwetters mit Regen und Matsch überdrüssig geworden waren, wollten wir uns auf die Suche nach echtem russischen Winter und Väterchen Frost begeben. Zuerst brachte uns ein Zug nach Moskau, wo uns Stepanka einen Tag lang die Stadt zeigte. Abends um halb zwölf wartete dann am Jaroslaver Bahnhof der Mythos auf uns: die TransSib! Wir hatten zu viert ein Abteil, was den Komfort sehr zuträglich war. Abends waren wir dann recht schnell in unseren Kojen eingeschlafen. Der Moment des Aufwachens am ersten Morgen war einer der besten der Reise: vom sanften Ruckeln des Zuges geweckt, und von der ins Abteil scheinenden Sonne. Ein Blick aus dem Fenster zeigt unglaublich viel Weiß, endlos vorbeiziehende Baumreihen, hin und wieder ein Holzhaus, einen zugefrorenen Fluss. Sagenhafte Gemütlichkeit macht sich breit: für drei Tage bestanden unsere einzigen Aufgaben darin, heißes Wasser vom Samowar am Ende des Abteil zu holen, den Klapptisch zu decken, das Essen zu genießen, abzuspülen, und hin und wieder bei den zwanzigminütigen Aufenthalten etwas Luft zu holen und Proviant nachzukaufen. Wir hatten uns Nutella geleistet, und Mario hatte aus seinem Heimatdorf eine sensationelle Pfälzer Hausmacherleberwurst mitgebracht. Langweilig wurde uns nie. Wir fuhren durch Ekaterinburg, Tomsk, Novosibirsk und Krasnojarsk, überquerten Wolga, Ob und Enissej. Aber nichts kam an diesen Moment des ersten Aufwachens heran, als das Abteil noch frei von Mief und der Kopf zufrieden ohne Beschäftigung war, ganz erfüllt vom Rhythmus der Räder und der Freiheit und dem Gedanken an ein acht Zeitzonen umfassendes Land, zusammengehalten nur durch dieses endlose Band von Geleisen, auf dem unser Zug mit 80 Kilometern in der Stunde stetig seinen Weg nach Osten machte.
Am Morgen des vierten Tages erreichten wir das vorläufige Ziel unserer Reise: Irkutsk. Einigen bekannt von "Risiko"-Abenden, anderen als die Stadt am Baikalsee. Als ich vor anderthalb Jahren das erste Mal da war, hatte ich auf einer Exkursion Viktor kennen gelernt, der an der biologischen Fakultät arbeitet. Er hatte uns eingeladen, vorbeizukommen. Ich hatte allerdings nicht erwartet, dass er, seine Frau Nastja und ihr zehnjähriger Sohn Serjoscha ihr eines Zimmer im Wohnheim räumen und sich bei der Schwiegermutter einquartieren würden. Das ist wohl die russische Gastfreundschaft par excellence. Jedenfalls hatten wir es dort sehr gemütlich.
Am dritten Tag fuhren wir an den See. Wir deckten uns erstmal mit Omul ein, dem legendären dortigen Fiiiiisch. Dann schulterten wir unser Säckel und machten uns auf den Weg zu einem Dorf, in dem die biologische Fakultät ein paar Hütten besitzt. Im Winter ist der Ort nicht mit dem Auto erreichbar. Unsere ursprünglich geplante Route, 20 Kilometer übers Eis, war aufgrund des warmen Winters noch nicht sicher. Also machten wir uns bei humanen 15 Grad minus hintenrum auf den Weg, bei strahlendem Sonnenschein durch eine klassische Winterlandschaft. So sehr viel Schnee gibt's da drüben nicht, weil kein Meer außer dem Baikal in der Nähe ist. Dafür sind die Baumstämme alle ganz weiß eingereift. Und alles glitzert in der Sonne. Nachdem wir über einen Hügel geklettert waren, rutschten wir wieder dem See zu. Und nach fünf Stunden Wanderung lag er dann in der Abendsonne vor uns: das heilige Meer, die Perle Sibiriens, eine riesige weiße Eisfläche. Am Ufer Kiefern und Felsen, alles in warmes goldenes Licht getaucht. Und in der Ferne das andere Ufer: die Gipfel des Chamar-Dhaban-Gebirges, etwas unwirklich über dem Dunst schwebend.
Im Dorf wurden wir von einem Professor empfangen, der dort seine Winterruhe verbringt. Unsere Hütte war wie aus dem Bilderbuch: mit russischem Ofen, Plumpsklo im Garten und Matratzenlager. Wir verbrachten den Abend mit Holzhacken, Einschüren, Wasserholen aus einem Eisloch im See, Teekochen, Omul und Wodka. Am nächsten Tag spazierten wir auf einen Hügel, genossen die Aussicht, fühlten uns auf dem See bei starkem Wind wie Polarforscher. Ein zugefrorener See gibt ja auch bei uns so komische Geräuschee von sich, wenn das Eis knackt. Am Baikal hat das etwas mehr Ähnlichkeit mit einem entfernt vorbeirauschenden Güterzug. Abends wärmten uns dann in der Banja auf. Die Banja: ein Traum aus Holz, Wasser, Dampf, Birkenzweigen, und Schneebädern vor der Tür. Ich wäre gerne noch eine Woche dageblieben, so weit weg vom Lärm der Zivilisation.
Am dritten Tag wanderten wir wieder zurück. Wir verbrachten noch etwas Zeit in Irkutsk. Unser Plan, ins Ostsajan-Gebirge zu fahren scheiterte leider daran, dass es plötzlich 35 Grad minus hatte, und unser Fahrer die seinem Auto nicht ohne Bedenken zutraute. Während die anderen drei den Trip noch nachholten, fuhr ich weiter nach Wladiwostok, um Hans-Peter zu besuchen, der da auch für ein Jahr studiert. Diese letzten drei Tage sind der landschaftlich spannendste Teil der TransSib, mit vielen Hügeln und Flüssen, darunter über den zwei Kilometer breiten Amur. Nach 9288 Kilometern ab Moskau kam ich an. Wladiwostok verleiht dem Wort Endstation eine ganz eigene Bedeutung: im Osten grenzt China an, im Süden Nordkorea, und im Westen das Japanische Meer. Die Stadt liegt recht hügelig auf einer Halbinsel, die geographische Breite ist die von Marseille, aber das Meer ist zugefroren. Das ist hübsch. Nach vier Tagen fast in Japan sind wir gemeinsam nach Moskau geflogen. Von oben wird einem die unglaubliche Leere Sibieriens noch viel bewusster. Die Flüsse mäandern in riesigen Schleifen durch die Gegend. Irgendwo trollt sich ein Bär davon. Wir waren leider zu weit oben, um ihn zu sehen.
In Moskau hatten wir ein Seminar vom DAAD, aber auch viel Zeit zum Sight Seeing, und zum Eislaufen im Gorki-Park. Wir wohnten in der deutschen Botschaft, was auch sehr spannend war. Naja, und irgendwann bin ich zurückgefahren, und wir haben Goli's letzte Woche in Petersburg gefeiert. Das Semester hat eigentlich auch schon wieder angefangen, aber ich bin noch nicht so recht in Stimmung ... schwebe mit den Gedanken noch irgendwo im Osten über eine riesige weiße Fläche ... sinniere, was genau jetzt eigentlich den Baikal so schön macht ... ich glaube, ich muss einfach nochmal hin.

1 Comments:

At 10:16 PM, Anonymous FLOW said...

Pjiotr,
hört sich ja verschärft an!
Ich hab Do letzte Examensklausur, bisher eher durchwachsen gelaufen, aber hinten kackt ja bekanntlich die Ente! Genieß die Zeit, melde mich mal wenn ich mehr davon hab.
LG, BBF (Big Brother FLOW)

 

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