Freitag, Oktober 29, 2004

Adresse

PETER HIEMEYER (das bin ich)
KORPUS 14A, KOMNATA 532 (das ist mein Wohnheim und mein Zimmer)
NEPOKORENNYCH PROSPEKT 8/2 (das ist mein Häuserblock)
194021 SANKT-PETERSBURG (das ist eine schöne Stadt an der Ostsee)
RUSSLAND (da brauch ich nichts zu sagen)
Ich freu mich über Post!

Dienstag, Oktober 26, 2004

dies und das

So, jetzt gibt's mal wieder einiges aufzuholen. Zuerst die schlechten Nachrichten. Vor zwei Wochen ist ein Vietnamese aus meiner Uni von einem Haufen Skinheads in der Nähe von Golis Metrostation erstochen worden. Übel. Und es scheint doch einiges hier los zu sein, auf das ich gut verzichten könnte. Sandra ist ja aus Berlin, die hat es nicht so krass geschockt. Aber es ist schon noch mal was anderes, so was zu hören, wenn man selber Ausländer ist. Wir sehen ja alle einigermaßen aus wie Russen, und ich hab keine Angst, aber Gedanken haben wir uns schon gemacht. Da ist es doch ganz nett, in Regensburg zu wohnen, wo die Polizisten damit beschäftigt sind, Radfahrer ohne Licht anzuhalten. Ja, was soll man machen? Irgendwann geht man halt zur Tagesordnung über und vergisst das Ganze. Weiß nicht, ob das gut ist.

Inzwischen hab ich einen geregelten Stundenplan. Montag frei, Dienstag von zehn bis zwei Russisch. Ist recht guter Unterricht, ich bin immer noch mit den fünf Bambergern zusammen. Unsere Lehrerin ist gut, wäre eigentlich schon pensioniert, aber von der Rente lässt sich halt nicht leben. Wir machen viel Grammatik, lesen Texte, schauen Nachrichten und kriegen immer mal wieder die russische Geschichte und Kultur erklärt und was gerade so los ist im Land. Für ihre 65 ist Tamara Alexandrowna top auf dem Laufenden. Es herrscht immer recht lustige Stimmung, und in den Pausen gibt's am Lehrstuhl ein Klavier Marke "Roter Oktober".
Am Mittwoch hab ich wieder frei. Am Donnerstag wird dann richtig studiert. Ich bin hier im Lehrstuhl angewandte Mathe gelandet, also bei den russischen Programmieren. Von zwölf bis zwei hab ich diskrete Mathe, Theorie von Graphen und Bäumen, da hat der Professor ein Lehrbuch geschrieben, das ich mit Wörterbuch verstehe. Schon skurill, auf russisch Mathe zu studieren, aber irgendwie irgendwie cool. Danach bin ich in einem Seminar über künstliche Intelligenz. Da verstehe ich nicht allzu viel. Ende November werde ich ein Referat über humaoide Roboter halten, C3PO und so ;-). Am Freitag hab ich wieder von zehn bis zwei Russisch und von vier bis sechs Übung zur diskreten Mathe. Da müssen wir ein paar kleine Programme schreiben, und ich denke, dafür gibt's dann einen Schein, den ich in Regensburg anerkennen lassen kann.

Vorletzten Freitag war ich mit Panu aus Finnland in der Bar von der Amerikanischen Botschaft. Am Eingang wurden wir abgetastet und in eine Liste eingetragen. Coole Musik, eine Dartscheibe und wunderbar rauchfrei. Ja, manches ist schon schön auf amerikanischem Territorium. Um drei sind wir dann weiter in einen Club namens "Datscha", wo ein Mädel aus Hamburg den DJ gemacht hat. Ein bisschen NDW, Klasse, und lustige Leute. Ich war dann irgendwann um neun im Bett.
Samstag abend war hier im Wohnheim "KWN". Was das heißt, weiß ich auch nicht, jedenfall haben aus den drei Teilen von unserem Wohnheim verschiedene Mannschaften zwei Stunden lang Sketche über das Leben in Wohnheim und Uni und Stadt aufgeführt. Lustig. Das Wohnheim ist dann wie eine große Familie. Und die Russen stehen einfach auf Show.
Am Sonntag haben wir ein Straßenspektakel von Golis Upsala-Zirkus angeschaut. Klasse. Abends waren wir in der Philharmonie. Ein Klavierkonzert von Rachmanninoff. Na, so ein junger russischer Pianist ist einfach nicht zu verachten.
Die geniale Schönwetterphase ist inzwischen vorbei. Bald wird's kalt.

Donnerstag, Oktober 14, 2004

Aus dem Wohnheim

Gerade sitze ich gemütlich am Fenster , auf den Knien unser 486 DX Laptop mit Windows 3.1, seit über 10 Jahren im Familienbesitz und immer noch treu vor sich hin summend. Erinnerungen an "Monkey Island", "Civilization 1" und "Ski or Die" werden wach ... aber ich schweife ab. Das Fenster habe ich gerade zu gemacht, um halb sieben ist die Sonne untergegangen, und jetzt wird es doch etwas frisch. Vorgestern hatten wir den ersten Nachtfrost. Petersburg wird seit einer Woche von einem Schönwetterhoch beglückt, ein goldener Oktober, wie er im Buche steht. Am Sonntag sind Goli, Sandra und ich noch auf der Wiese im Taurischen Park gesessen. Aus dem Fenster sehe ich jetzt ein paar Sterne, und die hellerleuchteten Fenster meiner Mitbewohner. Das Wohnheim ist wie ein großes U gebaut, auf dem Hof in der Mitte stehen einige schöne Bäume. Von meinem Fenster aus sehe ich da untertags die Blätter tanzen. Ums Eck stehen unsere Müllcontainer, von denen hin und wieder einer lustig brennt. Nicht so lustig sind die Leute, die sich hier aus den Containern ihren Lebensunterhalt zusammenkratzen.

Am Montag war hier in unserer Küche Geburtstagsfeier von Schenja. Mir wurde das Ganze als grosses Trinkgelage angekündigt, so dass ich einige Angst um meine Leber hatte. Aber es war dann mehr ein Festessen mit Leckereien von eingelegten Auberginen über Hühnerbeine mit Kartoffeln bis zu russischem Kraut- und Rüben-Salat. Dazu schmeckte der Wodka äußerst mild, und wurde immer von sehr herzlichen Trinksprüchen begleitet. Irgendwann wurde mal wieder die Gitarre rausgeholt, und meine Trompete hat sich auch gefreut, dass sie nicht einrostet. Erstaunlich, dass unsere Nachbarn noch kein Attentat auf mich ausgeübt haben ;-)

Was war sonst noch so los? Letzte Woche waren wir im "MONEY is HONEY", dem hiesigen Rockabilly-Club beim Tanzen ... ich hab meinen Pass zurück und ein Mehrfachvisum, so dass ich nach Lust und Laune ein- und ausreisen kann ... wir sind zum Smolny-Institut gelaufen, wo Lenin nach der Oktoberrevolution für ein paar Monate seine provisorische Regierung hatte ... am Samstag Abend waren wir kurz in einem orthodoxen Gottesdienst, viel Sing-Sang-Gelese, Kreuz-Schlagen, Ikonen-Küssen, ein schöner Chor und insgesamt eine entspannende Stimmung.
Jo, das war's denn für heute, bis zum nächsten Mal!

Mittwoch, Oktober 06, 2004

juhuu!

Die Heizung ist an!

Montag, Oktober 04, 2004

Teremok

Es wird Zeit, über eine der sehr erfreulichen Seiten Sankt Petersburgs zu berichten: die Blinis. Blinis haben erstaunliche Ähnlichkeit mit Pfannkuchen, wenn nicht gar mit Crêpes. Sie werden genauso gerne mit süßer wie mit herzhafter Füllung genossen.
Nun gibt es in Petersburg eine Sozietät, die sich der Blinis in besonderer Weise angenommen hat: die Firma Teremok. An jeder besseren Metrostation (und davon gibt es zum Glück viele!) steht einer der Stände mit den freundlichen Mitarbeitern in roter Schürze und Käppi, wo die Leckerbissen für knapp einen Euro das Stück angeboten werden. Zu empfehlen sind beispielsweise der Green-Blin mit leckerem Gemüse oder zum Dessert die Blinis mit Schokosauce und Bananen.
Das Petersburger Klima ist ja leider nicht das allergemütlichste. Oft pfeift der Wind von der Ostsee durch die Straßen, und bald fängt die Zeit der Zapfenkälte an. In dicke Pelzmäntel eingehüllt werden wir uns gegen den Schneesturm stemmen. Langsam dringt die Kälte durch die Kleidung. Und wenn dann die Kräfte nachlassen, die Füße sich müde durch den knietiefen Matsch schleppen, dann taucht mit etwas Glück aus dem Schneegestöber ein freundliches rotes T auf einer kleinen Imbissbude auf. Der Duft der heißen Leckerbissen dringt angenehm in die gerötete Nase, und wenn dann der Blintschik Bissen für Bissen das Herz von innen wärmt, dann weiß ich: hier bin ich ein Stück zu Hause!
Teremok
Das Wochenende war gemütlich ... am Samstag abend war im Wohnheim gemütliches Feiern angesagt. Ich durfte meine Trompete zu russischen Gitarrenklängen blasen, und - kann man sich das vorstellen ? - meine Mitbewohner kannten kein Kazoo, waren über das von mir importierte Exemplar natürlich hellauf begeistert. Sehr erlebenswert war auch die Karaoke-Show. Zwei Stunden lang wurde ich in die tiefe der russischen Seele entführt, mit Klassikern wie "Oh Frost, Oh Frost", "Gop-Stop" (Autostop) und "grünäugiges Taxi, nimm mich mit dahin, wo alle meine Freuden sind".
Sonntag abend sind Goli, Sandra und ich in einen Jazzclub, sehr gepflegt (Eintritt zwei Euro, allerdings gab's nur Holsten zum selben Preis). Ein Quartett namens "Foolton Band" mit lauter Klassikern aus Blues und Rock 'n' Roll. Eine Version von "Bei mir bist Du schön" haben sie auch gespielt, mit einem Text über "sparkling champagne". Das haben sie dann auch auf Russisch gesungen, ich hab allerdings nicht verstanden, um was es ging.