Sonntag, September 12, 2004

Umzug nach Pawlowsk?

ß ö ä ü Ä Ü Ö. Umlauttest. Also los. Das erste Wochenende in Russland ist vorbei. Super. Aber alles der Reihe nach. In meinem Wohnheim bin ich inzwischen bekannt, sind ein paar wirklich nette Leute da. Letzten Donnerstag waren wir auf der Straße ein Bier trinken, Nevskoe Pivo, durchaus sehr agreabel. Am Freitag haben wir Fußball gespielt. Inzwischen dauert es eine halbe Stunde, bis ich bei meinem Zimmer im fünften Stock bin, dauernd wird irgendwo abgechuckt, gelabert oder Bier angeboten. Das ist sehr gut für mein Russisch, und viele von den Russen wollen Ihr Englisch oder Deutsch trainieren. Bis jetzt bin ich immer noch allein in meinem Zimmer, irgendwann soll mein Mitbewohner kommen. Damit es einigermassen gemütlich ist, muss ich erst mal ein bisschen renovieren ... ein paar Mitbewohner werden morgen tapezieren, da häng ich mich vielleicht einfach dran. Jetzt steht immerhin schon eine Pflanze auf meinem Tisch, ansonsten ist es ziemlich kahl. Dass man nur mit Ausweis ins Wohnheim und normalerweise keine Gäste empfangen kann, und der Eingang von 1 bis 6 nachts zu ist, daran muss ich mich wohl erst noch gewöhnen. Die Duschen funktionieren jeden Tag bis auf Dienstag und Freitag. Die Studenten hier finden das Wohnheim auch nicht toll, aber sie richten sich ein so gut es geht.
Mein Studium nimmt auch erste Züge an. Am Donnerstag hab ich mich in der Uni mit einem Professor namens Alexander Fjodorwitsch getroffen, der mir hilft ein bisschen Struktur hier in mein Studium zu bringen. Er ist sehr nett, spricht gut Englisch, und will mich bekehren, unbedingt die „Unified Modeling Language“ (UML) zu lernen, weil das anscheinend die Programmiersprache der nächsten zehn Jahre ist. Aha. Er hat mich dann mit in seine Vorlesungen genommen, zuerst irgendwas über Graphen, ich hab kein Wort verstanden. Aber die Atmosphäre war sehr gemütlich, da sind immer bloss zwölf Leute in einem Kurs, und der Dozent plaudert sehr entspannt mit seinem Publikum. Dann war ich in seinem Kurs über künstliche Intelligenz, da hab ich wenigstens den PowerPoint-Vortrag entziffern können. Auch hier wieder alles total locker. In der zweiten Hälfte des Semesters wird dieser Kurs ein Seminar, da kann ich dann meinen Vortrag auf Englisch halten. Sehr gut. Der Lehrstuhl für angewandte Mathe, an dem ich studiere, ist anscheinend recht gut, die Räume sind schön und es gibt Computer und Beamer.
Einen richtigen Tagesablauf hab ich noch nicht, ich hab schon mal die Wohnheimküche ausprobiert, passt. Einkaufen ist billig. Auf der Strasse fahren Autos mit so poetischen Namen wie „Lada Sputnik“ rum. Ich hab meinen Schuh zum Schuster gebracht, der ihn mit Hilfe einer wunderschönen handgetriebenen Nähmaschine repariert hat.
Freitag abend bin ich mit der Metro zu Goli gefahren, die auf diesem Weg die herzlichsten Grüße ausrichten lässt. Sie wohnt in einer sehr schönen WG auf der Petrogradskaja, mit der U-Bahn eine halbe Stunde weg. Ich bin mir ein bisschen vorgekommen, als käme ich aus der dritten Welt nach Europa. Am Samstag haben wir schön touristisch eine Bootstour auf den Kanälen und der Neva unternommen, zusammen mit Sandra, die wie Goli ein Praktikum beim Uppsala-Zirkus macht. Heute alswie Sonntag waren wir in Pawlowsk. Das ist eine der grossen Zarenresidenzen rund um Petersburg (die anderen bekannten sind Peterhof, Puschkin und Oranienbaum). Pawlowsk ist ein riesiges Parkareal, das Katharina die Grosse ihrem Sohn Paul zur Geburt seines Erben geschenkt hat. Viel Wald, ein schöner Palast, und ein paar Pavillons und griechische Statuen. Im Palast mussten wir Präservative über die Schuhe ziehen, um die tollen Fussböden zu schonen. Es ist alles unglaublich schön hergerichtet. Ich muss mich mal in meinem Wohnheim umhören, vielleicht hat jemand Lust, eine kleine Revolution anzuzetteln und nach Pawlowsk umzuziehen?

3 Comments:

At 5:47 PM, Anonymous Anonym said...

Soservus! geh, oiso mit warme Duschen und des ah nu an drei Tagen die Woche, ma merkt dass der Kapitalismus Einzug hält bei de Russen! Wie soi ma mit solche Weicheier nu a ordentliche Revolution ozettln?

 
At 6:16 PM, Anonymous Anonym said...

Seervaas!
Das mit der Sperrstunde zwischen 1 und 6 ist wirklich sehr, sehr traurig. Bei mir hat es aber trotzdem funktioniert. Ein gutes Bier war dabei natuerlich von entscheidender Bedeutung. Versuchs doch einfach...

Privet, niko!

 
At 10:25 PM, Blogger Piotr said...

Die Sperrstunde ist eigentlich nicht so schlimm. Um 12 hoeren eh schoen langsam die Metros auf, und um 3 oeffnen sich die Bruecken. Also muss man sowieso bis um 6 durchmachen ;-) Inzwischen hab ich auch rausgefunden, dass die Duschen jeden Tag von 10 vormittags bis 5 nachmittags abgeschlossen sind. Aber man gewoehnt sich an alles. Solange die Leute cool sind passt der Laden.

 

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