Montag, September 27, 2004

Zarenpalast und Großstadtkunst

So, nach der langen Funkpause gibt’s jetzt wieder Neues aus Russland. Hier im Internetcafe funktionieren hin und wieder viele Seiten nicht. Naja. Also, wo waren wir stehengeblieben? Ich fang mal bei letztem Wochenende an. Da war Stepanka aus Moskau mit einer Freundin zu Besuch. Wir waren mit den Kindern von Goli’s Zirkus in Peterhof, das ist ein Palast mit Park, den sich Peter der Grosse direkt am Meer hat hinstellen lassen, mit Blick auf Finnland. Das Besondere sind die vielen grossen Brunnen. Ich find’s viel schöner als Versailles. Es war auch super, neben dem Park am Strand rumzugammeln und Feuer zu machen. Traumhafte Natur. Wir hatten Stuss und sind an dem Tag hingekommen, an dem die grosse “Fontana” winterfest gemacht wurde. Da gab’s zum Abschluss nochmal ein Spektakel mit Feuerwerk, klassischer Musik, viel Wasser und Tausenden von Leuten. Mehr könnt Ihr bei Goli unter www.golila.blogspot.com nachlesen, im Bericht vom 21. September, Teil 2.
Peterhof
Letzte Woche hab ich hauptsächlich damit verbracht, den “remont” meines Zimmers weiterzubringen. Die Hauptarbeit ist vorbei, ich hab jetzt eine schöne neue Tapete. Mal wieder gelb, das scheint zum Hiemeyerschen Markenzeichen zu warden :-). Ich bin jetzt wohl mindestens für dieses Semester allein im Zimmer, das ist ganz angenehm. Ich hab ja erst überlegt, ins Ausländerwohnheim zu gehen. Ich war neulich da zu Besuch, da ist der Standart zwar etwas höher, aber die Leute beneiden mich alle, dass ich den ganzen Tag Russisch spreche. Ausserdem sind da die Kontrollen strenger, Besucher müssen ein Dokument abgeben und um elf abends raus. Wegen der Sicherheit. Das wird bei mir zum Glück nicht so streng gehandhabt, ich hab die Goli bis jetzt immer an den Wachhunden am Eingang vorbei schmuggeln können. Die Kälte hält sich noch in Grenzen. Irgendwann legt irgendjemand in der Stadt einen Schalter um, und dann gehen in ganz Petersburg die Heizungen an. Aber das dauert wohl noch ein paar Wochen.
Das Wochenende hab ich mal wieder sehr angenehm mit Goli und ihrer Mitbewohnerin Sandra verbracht. Sonntag nachmittag sind wir über die Inseln geschlendert. Sehr schön, Sonne, und die Blätter werden langsam bunt.
Abends waren wir in der Peter-Paul-Festung, zum Drama-Festival. Die “divina comedia”, frei interpretiert. Der Hammer. Die Bühne war eine Drehscheibe mit den Zuschauertribünen ringsum, unterbrochen durch vier Bühneneingänge, aus denen wechselweise Schauspieler, Sturm, und irgendwelche Stoffmonster kamen. Ich weiss nicht, ob ich die Handlung besser verstanden hätte, wenn ich mal den Dante gelesen hätte. Text gab’s keinen, so dass die Sprache nicht das Problem war. Die Schauspieler waren unglaublich gut, die Technik sensationell. Wirre Szenen um irgendwelche Dämonen und einen Harlekin. Viel Tanz. Pantomime. Nachdem sich die Schauspieler verbeugt hatten (der Applaus war etwas spärlich weil keiner wusste, ob es wirklich aus war) verblieben auf der sich drehenden Bühne: ein Stundenglas, ein Gerippe mit Harlekinmütze und ein Schaukelpferd. Dazu “The Show must go on”. Fantastisch. Nach dem Spektakel wurden wir von einem Flötenspieler zur Neva gelockt. 50 Meter vor dem Ufer standen fünf ganz in weiss gekleidete Tänzer auf unsichtbaren Floßen, in grelles Licht getaucht und sich langsam zu Trommelmusik bewegend. Da merkt man halt, dass die Stadt doch was zu bieten hat.

Dienstag, September 14, 2004

mobilnik

Gestern sind meine Ideale in die Knie gegangen. Ich hab mir ein mobilnik gekauft. Ab jetzt bin ich erreichbar unter 007-921-3267888. Mit Artjom und Sascha hier aus dem Wohnheim, die mir beim Kauf beigestanden sind, hab ich das abends natürlich gleich begossen. Mein erster Kontakt mit dem Wodka verlief recht harmlos, da er äußerst mild war. Als die Flasche halb leer war, kam das letzte Glas, "paslednij", weil ja Uni ist. Nach dem fünften letzten Glas kam dann der "passaschok", was in meinem Langenscheidt mit "Abschiedsschluck" übersetzt wird. Den konnte ich natürlich nicht auslassen. Nach dem fünften passaschok kam dann der "paslednij passaschok", und die Flasche war leer. Zum Wodka wurde extrem leckeres in öl eingelegtes Gemüse aus Mamas Garten gereicht.
Heute war traumhaftes Wetter, und ich hatte bis drei frei. Mittags bin ich gemütlich an die Uni geschlendert. Mein Weg geht vom Wohnheim erstmal in den Park der Uni. Nach zehn Minuten im Wald komme ich direkt an der Mensa raus. Dort hab ich mir erst mal einen Teller Borschtsch mit Pirogge, einen Krautsalat und ein Kalbsschnitzel mit Bratkartoffeln genehmigt. Von der Kassiererin mit einem freundlichen "na storovje" quittiert. Dazu eine kurze Einlage zu diesem Gruß, der ja in Deutschland gern als russischer Trinkspruch benutzt wird: Er heißt wörtlich "zum Wohlsein", wird aber eigentlich bloß beim Essen verwendet. Beim trinken heißt es "za storovje", wobei das z ein stimmhaftes s ist. Genauso kann man mit "za rodinu" auf die Heimat, mit "za druschba" auf die Freundschaft, oder mit "za mir" auf den Weltfrieden trinken.
Nach der Mensa habe ich noch eine kleine Tour durch den Campus gemacht. Die Lage im Park ist traumhaft, vor allem wenn die Sonne scheint und wie heute T-Shirt-Wetter ist. Viele Gebäude sind gut hundert Jahre alt, haben früher irgendeinem Grafen oder so gehört. Teilweise sind sie etwas heruntergekommen, aber es wird fleißig renoviert. Ein wunderschöner Wasserturm, sicher fünfzig Meter hoch, ist gerade in ein sehr gewagtes, nur aus Holz bestehendes Gerüst eingekleidet. Wenn das wieder runter kommt, was man da nicht alles draus bauen könnte ... ;-)

Sonntag, September 12, 2004

Umzug nach Pawlowsk?

ß ö ä ü Ä Ü Ö. Umlauttest. Also los. Das erste Wochenende in Russland ist vorbei. Super. Aber alles der Reihe nach. In meinem Wohnheim bin ich inzwischen bekannt, sind ein paar wirklich nette Leute da. Letzten Donnerstag waren wir auf der Straße ein Bier trinken, Nevskoe Pivo, durchaus sehr agreabel. Am Freitag haben wir Fußball gespielt. Inzwischen dauert es eine halbe Stunde, bis ich bei meinem Zimmer im fünften Stock bin, dauernd wird irgendwo abgechuckt, gelabert oder Bier angeboten. Das ist sehr gut für mein Russisch, und viele von den Russen wollen Ihr Englisch oder Deutsch trainieren. Bis jetzt bin ich immer noch allein in meinem Zimmer, irgendwann soll mein Mitbewohner kommen. Damit es einigermassen gemütlich ist, muss ich erst mal ein bisschen renovieren ... ein paar Mitbewohner werden morgen tapezieren, da häng ich mich vielleicht einfach dran. Jetzt steht immerhin schon eine Pflanze auf meinem Tisch, ansonsten ist es ziemlich kahl. Dass man nur mit Ausweis ins Wohnheim und normalerweise keine Gäste empfangen kann, und der Eingang von 1 bis 6 nachts zu ist, daran muss ich mich wohl erst noch gewöhnen. Die Duschen funktionieren jeden Tag bis auf Dienstag und Freitag. Die Studenten hier finden das Wohnheim auch nicht toll, aber sie richten sich ein so gut es geht.
Mein Studium nimmt auch erste Züge an. Am Donnerstag hab ich mich in der Uni mit einem Professor namens Alexander Fjodorwitsch getroffen, der mir hilft ein bisschen Struktur hier in mein Studium zu bringen. Er ist sehr nett, spricht gut Englisch, und will mich bekehren, unbedingt die „Unified Modeling Language“ (UML) zu lernen, weil das anscheinend die Programmiersprache der nächsten zehn Jahre ist. Aha. Er hat mich dann mit in seine Vorlesungen genommen, zuerst irgendwas über Graphen, ich hab kein Wort verstanden. Aber die Atmosphäre war sehr gemütlich, da sind immer bloss zwölf Leute in einem Kurs, und der Dozent plaudert sehr entspannt mit seinem Publikum. Dann war ich in seinem Kurs über künstliche Intelligenz, da hab ich wenigstens den PowerPoint-Vortrag entziffern können. Auch hier wieder alles total locker. In der zweiten Hälfte des Semesters wird dieser Kurs ein Seminar, da kann ich dann meinen Vortrag auf Englisch halten. Sehr gut. Der Lehrstuhl für angewandte Mathe, an dem ich studiere, ist anscheinend recht gut, die Räume sind schön und es gibt Computer und Beamer.
Einen richtigen Tagesablauf hab ich noch nicht, ich hab schon mal die Wohnheimküche ausprobiert, passt. Einkaufen ist billig. Auf der Strasse fahren Autos mit so poetischen Namen wie „Lada Sputnik“ rum. Ich hab meinen Schuh zum Schuster gebracht, der ihn mit Hilfe einer wunderschönen handgetriebenen Nähmaschine repariert hat.
Freitag abend bin ich mit der Metro zu Goli gefahren, die auf diesem Weg die herzlichsten Grüße ausrichten lässt. Sie wohnt in einer sehr schönen WG auf der Petrogradskaja, mit der U-Bahn eine halbe Stunde weg. Ich bin mir ein bisschen vorgekommen, als käme ich aus der dritten Welt nach Europa. Am Samstag haben wir schön touristisch eine Bootstour auf den Kanälen und der Neva unternommen, zusammen mit Sandra, die wie Goli ein Praktikum beim Uppsala-Zirkus macht. Heute alswie Sonntag waren wir in Pawlowsk. Das ist eine der grossen Zarenresidenzen rund um Petersburg (die anderen bekannten sind Peterhof, Puschkin und Oranienbaum). Pawlowsk ist ein riesiges Parkareal, das Katharina die Grosse ihrem Sohn Paul zur Geburt seines Erben geschenkt hat. Viel Wald, ein schöner Palast, und ein paar Pavillons und griechische Statuen. Im Palast mussten wir Präservative über die Schuhe ziehen, um die tollen Fussböden zu schonen. Es ist alles unglaublich schön hergerichtet. Ich muss mich mal in meinem Wohnheim umhören, vielleicht hat jemand Lust, eine kleine Revolution anzuzetteln und nach Pawlowsk umzuziehen?

Mittwoch, September 08, 2004

Regentag

Heute bin ich registriert worden, das klappt zum Glück alles reibungslos. Meinen Pass krieg ich Ende September wieder, mit neuem Visum, mit dem ich dann so oft ein- und ausreisen kann wie ich will. Das Wohnheim ist leider immer noch sehr abenteuerlich, wenigstens haben die Duschen heißes Wasser. Und im "Institute for International Education" hab ich eine recht gute Mensa entdeckt. Außerdem war ich heute in einem Baumarkt, weil ich wahrscheinlich mein Zimmer erstmal ein bisschen renovieren werde (auf Russisch "remont"). Da gab's lauter Sachen "iz germanii", ich hab mir gleich einen Wasserkocher der Marke Braun geleistet. Jetzt kann ich in allen Notlagen erst mal abwarten und Tee trinken.

Dienstag, September 07, 2004

Russland!

Am Sonntag Nachmittag stachen wir bei sonnigem Wetter und gutem Wind mit der GTS Finnjet in Rostock in die Ostsee. Schönes Schiff, rundum Unterhaltung und ein Ausblick auf die deutsche Alterspyramide in 20 Jahren. Heute früh sind wir in Sankt Petersburg gelandet, empfangen vom Hafenorchester, die uns einen flotten Marsch aufgespielt haben. Respekt. Die Goli wurde von ihren Zirkusleuten abgeholt, und ich von Denis vom Lehrstuhl für angewandte Mathe. Wir sind erst mal in eine "marschroutka" eingestiegen, so was ähnliches wie ein Großraumtaxi, das feste Routen abfährt, für 12 Leute gebaut ist und bei 20 erst anfängt, gemütlich zu werden. Dazwischen Denis, ich und mein roter Seesack. Dann die erste gute Nachricht: ich wusste, dass die U-Bahnlinie, die zu meiner Uni rausgeht, für die letzten drei Jahre geschlossen war, weil das Stickstoffkühlsystem zusammengebrochen und deswegen Sumpfwasser eingedrungen war. Aber Sensation, vor einem Monat wurde der neue Tunnel eröffnet. Das wird meine Wege in die Stadt sehr vereinfachen.
Dann hab ich mein Wohnheimzimmer bekommen, das eher nicht so glänzend ist. Ich bin jetzt erstmal in einem Wohnheim an der Uni mit lauter Russen einquartiert, was für die Sprache natürlich gut ist. Die Standards sind allerdings sehr niedrig, Jochen, deine Klos in Grenoble waren 5-Sterne-Suiten gegen die hiesigen ;-) Allerdings wurde ich sehr nett empfangen von der Wohnheimmama Oktjabrina Iwanowa und der Meisterin der Bettbezüge namens Nadja. Ich hab meine Mitbewohner noch nicht kennengelernt, ich muss mal schauen wie sich das alles entwickelt. Anscheinend kann ich ab Oktober in das internationale Studentenwohnheim ziehen, wenn ich will.
Nach dem Wohnheim sind wir erstmal in den Süden der Stadt zu einer Poliklinik gefahren , weil ich noch einen russischen AIDS-Test brauchte. Das Krankenhaus hat mich positiv überrascht, denen habe ich mich gerne anvertraut.
Danach sind wir auf den Nevski Prospekt, ich hab einen ersten Blick auf den Winterpalast geworfen. Sehr leiwand, grün und mit Springbrunnen drin. Anschließend haben wir die Uni inspiziert und einen Herrn Schaplygin vom Auslandsamt getroffen. Eine schlechte Nachricht: die im Internet groß angeboteten Kurse auf Englisch finden nur statt O-Ton "wenn irgendjemand sie bezahlt". Also gar nicht. Naja. Dann ist Denis heimgegangen, ich war ziemlich geschlaucht, weil wir eigentlich nur russisch geredet haben. Immerhin, etwa ein Zehntel von dem was er gesagt hat, hab ich verstanden :-) Aber er ist sehr nett, und in zwei Wochen schaut das mit der Sprache schon besser aus.
Vorhin hab ich noch auf eigene Faust die Umgebung der Uni inspiziert, hat mir gut gefallen. Ein Platz mit lauter kleinen Läden, produkty genannt. Und gerade sitze ich in einem Internetcafe, direkt in meinem Wohnheimgebäude, und 10 Stunden für fünf Euro. Schnäppchen und sehr gemütlich. Jetzt werd ich ab ins Bett düsen, morgen werde ich registriert, und eventuell fangen auch schon meine Russischkurse an, acht Stunden die Woche. Passt. Ein sonniger erster Tag in Petersburg geht zu Ende, und mein Tank für Abenteuerlust ist noch randvoll.
Der Goli geht's übrigens auch gut, Ihr weblog gibt's unter www. golila.blogspot.com
Also, Grüße an alle rund um die Welt,
Euer Peter

Mittwoch, September 01, 2004

Regensburg Ade ...

Heute bin ich den letzten Tag in Regensburg und werde von einem wunderbaren Spätsommerwetter verabschiedet. Jetzt geht's erstmal nach Simbach zum packen. Am Sonntag nachmittag stechen wir in Rostock in See, und kommen Dienstag früh an die Gestade der Newa. Paläste, die sich im Wasser spiegeln, goldene Kuppeln, die in der Sonne glänzen, und wir zwei mittendrin.

Als Hommage an meine WG ist dieses Foto gedacht: Ein Hoch auf die Gemütlichkeit!
Bett